Wortmeldung – Teilnehmende berichten (IV)

Robabes Weg

Robabe Musawi ist eine Ehefrau und Mutter, die für ihre Familie einsteht. Kein Weg war der Mittvierzigerin zu weit, um sie in Sicherheit zu wissen: „Ich wurde in Afghanistan geboren, ich habe meine Eltern im Krieg verloren, ich habe zwei Brüder und drei Schwestern verloren. Aufgrund der Unruhen in unserem Land Afghanistan und des Krieges mussten wir reisen und uns nach Deutschland schmuggeln“.

Robabe wohnt nun knapp über einem Jahr mit ihrer Familie in der Gemeinschaftsunterkunft in Bietigheim, sie hat zwei Söhne und eine Tochter, alle erwachsen. Vor wenigen Monaten ist sie sogar stolze Oma eines Enkelsohnes geworden. „Zuallererst ist mir meine Familie sehr wichtig, und danach ist es für mich wichtiger als alles andere, in Deutschland zu leben. In meinem Land herrscht Krieg und ich fühle mich unsicher und kann nicht in Krieg und Unsicherheit leben“.

Die engagierte Frau besucht deshalb auch einen EOK. „Deutschland ist ein sehr fortschrittliches Land und ich mag das deutsche Recht und die deutsche Sicherheit sehr. Ich möchte die Sprache von Recht und Ordnung lernen,“ bestätigt sie. Doch das ist noch nicht genug, seit über acht Monaten arbeitet sie ehrenamtlich in der Bietigheimer Tafel. Der Bietigheim-Bissinger Tafel e.V. wird von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Bietigheim getragen. Die Mitarbeit ist dreimal in der Woche, jeweils montags, mittwochs und freitags von 9 bis 13 Uhr. „An meinem Arbeitsplatz putze ich Obst und Gemüse und wiege sie. Meine Kollegen und ich bereiten sie regelmäßig für den Verkauf vor. Nach der Hauptarbeit arbeite ich am Nachmittag, um in einem Kaffeehaus genug zu verdienen.“ Dieses Café findet ebenfalls an den gleichen Tagen statt und endet gegen 17 Uhr. „Die Aufwandsentschädigung durch das Ehrenamt ist nicht hoch, dafür ist der Gewinn durch die Arbeit kaum zu bemessen: „Kaffee und Gebäck richten macht mir Spaß, außerdem möchte ich in der Lage sein, gut Deutsch zu lernen und gute Freunde für mich zu finden, deshalb arbeite ich an diesem Ort.“

Den Haushalt erledigen, sich um das Enkelkind kümmern, arbeiten und eine fremde Sprache lernen – dazu braucht man viel Kraft, Durchhaltevermögen und Motivation. Doch mit Unterstützung klappt auch das: „Ich habe freundliche und mitfühlende Kollegen, ich liebe sie sehr, sie versuchen, dass ich richtig Deutsch lernen kann, damit ich mit ihnen sprechen kann. Ich bin sehr glücklich in meinem Arbeitsumfeld.“ Robabe Musawi ergänzt: „Ich benutze auch ein Buch, in dem ich in Ruhe richtig Deutsch lernen kann. Ich bitte meine Kollegen dort, mir beim Üben des Buches zu helfen.“

Ihr größter Wunsch ist es später anderen Menschen beim Erwerb der Sprache und der Integration helfen zu können: „Deshalb möchte ich einen Job für mich finden, indem ich die Sprache lerne und die Regeln unterrichte und für das Land nützlich bin.“ Der erste Anfang ist gemacht – mit ihrer gebrauchten Nähmaschine, die Robabe Musawi gerade erstanden hat, möchte die handwerklich begabte Frau ihre und andere Familien unterstützen und nähen – Masken inklusive.

Im Rahmen der EOK- Exkursionen finden in Bietigheim immer Ausflüge zu den Tafeln statt. Auch Robabe Musawi hat an einer der Exkursionen teilgenommen. Die EOK Teilnehmenden erhalten dort Tafelausweise sowie einen fachkundigen Vortrag über die Arbeit der Tafeln und die Möglichkeiten, die den Geflüchteten dort angeboten werden. Neben den klassischen Aufgaben einer Tafel wie das Abholen der Waren, Sortierung und Ausgabe können geflüchtete Menschen zudem als Übersetzer/in und Vermittler/in eingesetzt werden. Dies gilt auch für Menschen mit einer Duldung als Aufenthaltsstatus. In Bietigheim wird zudem im Nebengebäude „Neufundland“ betrieben, einem Second-Hand-Verkauf für Haushaltsartikel, Geschenkartikel, sowie preiswerte Kleidung für Frauen, Männer und Kinder.

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