Tagebuch einer Lehrkraft (IV)

Motivation als Herausforderung

Motivierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die regelmäßig in unsere Kurse kommen, wünschen wir uns wohl alle. Wie ist es aber mit der Motivation? Warum ist diese so schwierig zu erreichen? Welche Faktoren führen zu mehr Motivation der Teilnehmer*innen? 

Meine Kolleg*innen und ich arbeiten in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Freiburg. Meine Zielgruppe sind Frauen mit kleinen Kindern und schwangere Frauen. Zurzeit gibt es größtenteils nigerianische Frauen in meinem Kurs. Ich verbringe wöchentlich über zwanzig Stunden mit ihnen. Diese gemeinsame Zeit ist sehr schön und gleichzeitig anspruchsvoll. Ich versuche die Begegnungen zu reflektieren und mich auf diesem Weg weiterzuentwickeln und stelle mir dabei oft die oben genannten Fragen.

Die Hauptproblematik, die alltäglich den Unterricht erschwert, ist die spürbare Hilflosigkeit der Frauen über die unsichere Bleibeperspektive. Dazu kommt, dass sie in der LEA nicht selbst kochen können, was für die meisten Gesellschaften und Kulturen ein wichtiger Inhalt im familiären Tagesablauf darstellt. Es bedeutet vor allem, dass ein wichtiger Faktor für die psychische Stabilität nicht vorhanden ist. Deshalb ist für die Bewohnerinnen das magische Wort der ‘Transfer’. Das bedeutet eine Verlegung in eine Gemeinschaftsunterkunft und damit eine Verbesserung ihrer Perspektive. Das Warten (manchmal auch über ein Jahr) auf diesen Transfer bringt viel Unruhe und Unzufriedenheit. Diese Tatsache kann auch im Erstorientierungskurs nicht ausgeblendet werden, denn jeden Tag sind wir Lehrkräfte dieser Atmosphäre ausgesetzt. Unter diesen Umständen ist es sehr anspruchsvoll eine Begeisterung für das Lernen der Deutschen Sprache zu erwecken.

An welchen Faktoren versuche ich zu arbeiten?

Ich sehe es als meine Aufgabe, eine gute Atmosphäre im Kursraum zu schaffen. Zu einer guten Atmosphäre gehört unbedingt Humor. Deshalb wende ich verschiedene Spiele an, zum Beispiel Wettbewerbe in Teams, was den Teilnehmerinnen viel Spaß macht und sie zum Lachen bringt. Dadurch vergessen sie kurz ihre alltäglichen Probleme und kommen besser in den Unterricht hinein.

Beziehungsarbeit und echte Empathie dient zur Stärkung der Gruppe im Kurs. Es muss auch eine gewisse Vertrauensbasis zwischen der Kursleiterin und Teilnehmerinnen entstehen. Jeder Mensch will individuell betrachtet, angesehen und behandelt werden.

Bei der Unterrichtsplanung und Unterrichtsgestaltung versuche ich sehr viele alltägliche Situationen einzubringen, die dem Interesse der Frauen entsprechen. Zum Beispiel lade ich Expertinnen ein, die über Kinderkrankheiten, Impfungen oder gesetzliche Untersuchungen informieren. Themen wie Häusliche oder Sexualisierte Gewalt werden auch auf sensible Art vorgestellt. Wichtig ist immer, ganz viel Raum für Fragen zu ermöglichen.

In manchen Fällen beginnen die Teilnehmerinnen auch Geschichten aus dem Heimatland zu erzählen. Es ist wunderschön zu sehen, wie die Frauen in ihren Erzählungen aufblühen. Durch diesen interkulturellen Austausch entsteht eine Plattform, die es zulässt, sich mit all den unterschiedlichen (Welt-) Erfahrungen näher zu kommen. In diesen Momenten werden meine Mühen spürbar belohnt. So sind nicht nur die Teilnehmerinnen motiviert, sondern auch ich.


Ich heiße Anetta Armaan Riglova und unterrichte seit einem Jahr Frauen mit Fluchterfahrung in der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Freiburg. Mein Kursangebot soll auch Frauen mit kleinen Kindern und schwangeren Frauen ermöglichen, die Grundlagen der deutschen Sprache zu erwerben. Ich bin Sozialarbeiterin von Beruf mit dem Schwerpunkt Arbeit mit Frauen und seit über 10 Jahren im Flüchtlingsbereich tätig. Mit Frauen aus verschieden Kulturkreisen zu arbeiten hat mich immer sehr fasziniert. Ich liebe die Herausforderungen über eigene kulturelle Grenzen zu schauen und andere so zu sehen, wie sie wirklich sind. Die Vielfalt bewegt unsere Gewohnheiten und bringt uns dem Leben näher. Ich bewundere die Kraft und Mut, die die Frauen in sich tragen. Kinder gebären, erziehen, das eigene Land und Familie zu verlassen und in einem ganz fremden Land ankommen. Es ist eine Freude für mich, diese Frauen begleiten zu können.

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