Sprache und Macht

Warum dieses Thema?
Bei Erstorientierung und Erstorientierungskursen geht es um Sprache und gleichzeitig um viel mehr als das, denn Sprache ist auch viel mehr als nur Vokabular und Grammatik. Durch Sprache werden Werte vermittelt, Ein- und Ausschluss produziert und reproduziert und Realität gestaltet. Dadurch ist Sprache immer auch ein Machtinstrument mit dem verantwortungsvoll umgegangen werden kann und sollte.

Sprache ist…

  • „durch die Geschichte der jeweiligen Gesellschaft und deren Weltbild geprägt. Sprache ist Resultat gesellschaftlicher (Aushandlungs-) Prozesse, immer in Bewegung und veränderbar“ (Bendix et al. 2013, S. 20 aus einer Broschüre von glokal e.V. mit dem Titel: Mit kolonialen Grüßen – Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet).
  • „ein Teil des Bemühens, Ordnung in die Welt zu bringen – durch Benennen werden die Dinge sortiert, klassifiziert, einer Kategorie zugeordnet. Jedes Zuordnen und Abgrenzen von Begriffen ist mit Handlungen des Einschließens und Ausschließensverbunden. Die gebräuchlichen Kategorien sind geprägt von den vorherrschenden gesellschaftlichen Denkmustern“ (DGB 2013). Sprache reproduziert und produziert gleichzeitig – es werden Ein- und Ausschlüsse praktiziert. Sprache ist dadurch immer auch ein Machtinstrument.
  • „eine mächtige Lenkerin, die Denken, Empfinden und Werte in einer Weisevorprägt, von der man sich oft nur durch Erfahrung oder erhebliche geistige Anstrengung befreien kann“ (Klein 2010, S. 1). Dass Sprache „vorprägt“ weißt auf die geschichtliche Verankerung, aber auch darauf hin, dass viel unbewusst geschieht

Es kann also festgehalten werden, dass Sprache stets prägt (auch viel unbewusst), veränderbar ist, von unserer Geschichte und unserem Weltbild beeinflusst wird, Ein- und Ausschluss gestaltet und somit immer auch machtvoll ist.

Framing

Framing kommt vom englischen Wort „to frame“ = einrahmen und ein „frame“ ist somit der Deutungsrahmen (Honey 2019, S. 2). Elizabeth Wehling (Kognitionswissenschaftlerin) beschreibt, dass das Gehirn „ganze Vorratslager abgespeicherten Wissens“ (ebd. 2017a, S. 20) aktiviert, um Worte zu begreifen. Dabei geben Frames den einzelnen Worten Bedeutung, da sie diese in einen Zusammenhang mit unserem Weltwissen stellen (ebd., S. 30).

Frau Wehling sagt weiter, dass es keine objektiven Fakten gibt und diese erst durch Frames eine Bedeutung erlangen (Wehling 2017b). Ob ich sage „das Glas ist halb voll“ oder „das Glas ist halb leer“ beleuchtet den Fakt aus je einer anderen Perspektive (ebd.). Eine Studie hierzu gab es zur Abtreibungsdebatte – ob man von einem personalisierten „Baby“ oder von einem sächlichen „Fötus“ spricht, ändert die Perspektive drastisch und ordnet einen entweder dem Lager der Befürworter*innen oder der Gegner*innen zu (Honey 2019, S. 3).

Auch das Verhalten kann von Frames beeinflusst werden, wie Frau Wehling durch folgende Studie belegt: Zwei Proband*innengruppen bekommen jeweils einen unterschiedlichen Text vorgelegt. Die erste Gruppe bekommt einen Text mit Worten wie aggressiv, unfreundliche, unhöflich. Die andere Gruppe erhält einen Text mit Worten wie respektieren, sensibel, höflich. Anschließend sollten sich alle Proband*innen mit dem Forschungsleiter darüber austauschen. Dieser war bewusst in ein Gespräch verwickelt. Proband*innen aus der ersten Gruppe drängten sich nach kurzer Zeit vor und unterbrachen das Gespräch. Proband*innen aus der zweiten Gruppe warteten länger und verhielten sich höflicher, bevor sie das Gespräch unterbrachen. (vgl. Wehling 2017b, S. 40)
Dass Framing eine Wirkung haben kann ist unumstritten – Stärke, Richtung und Grenzen dieser Wirkung werden allerdings von Honey (2019) und anderen Wissenschaftler*innen in Frage gestellt (Honey 2019, S. 6f).

Geflüchtete, symbolische Politik und die Macht von Sprache

In dem Videobeitrag „Geflüchtete, symbolische Politik und die Macht von Sprache“ von „Titel, Thesen, Temperamente“ (ttt) vom 08.07.18 soll untersucht werden, „wie Begriffe unsere scheinbar freie Meinung manipulieren“ (ttt 2018). Der Beitrag beleuchtet die Macht der Politik, Macht der Medien und die Wirkung von Bildern und Begriffen aus Sicht der Kognitionswissenschaft und Soziologie zum Thema Fluchtmigration. Ein wichtiges Statement ist: „Wir müssen dazu nicht sprachlos bleiben“.

Worte und ihre Herkunft

Es kann außerdem Sinn machen, sich mit Begriffen näher zu beschäftigen, um so zu einem sensibleren Sprachgebrauch zu gelangen.

Die neuen deutschen Medienemacher*innen (NdM) haben seit 2013 ein Glossar, vor allem für Medienschaffende, aber auch für alle Menschen, die sich bei Begrifflichkeiten rund um die Einwanderungsgesellschaft unsicher sind, erstellt.

„Mit der Unterstützung zahlreicher WissenschaftlerInnen, Fachleuten und PraktikerInnen haben JournalistInnen aus dem Netzwerk der NdM die Inhalte des Glossars in ehrenamtlicher Arbeit erstellt.“

Homepage Glossar Neue deutsche Medienmacher*innen

Außerdem gibt es von den Neuen deutschen Medienmacher*innen eine Videoreihe „Besser Deutsch mit Jilet Ayse“, in denen sie Begriffe aus dem Glossar heraus- und auseinandernimmt (Neue deutsche Medienmacher 2015).

Verantwortungsvoller Umgang mit Sprache und Macht

Um verantwortungsvoll mit Sprache umzugehen ist es wichtig, „sich mit den Bedeutungen von Begriffen und den Funktionsweisen von Sprache auseinanderzusetzen“ (Bendix et al. 2013, S.21), um so beispielsweise Begrifflichkeiten, die noch aus der Kolonialzeit stammen und somit Rassismus in der Sprache reproduzieren, zu vermeiden. Zu einem sensiblen Umgang gehört es auch, zu „kennzeichnen, aus welcher Perspektive erzählt wird“ (ebd., S. 22) – um das hiermit zu tun: ich schreibe hier aus einer weißen, weiblichen Perspektive, durch Zitate und Videoclips versuche ich weitere Perspektiven einzubringen. Ein sensibler Umgang mit Worten wie „wir“ und „man“ kann außerdem vor einer ausschließenden Normalitätsdarstellung in „wir“ und „die anderen“ (Othering) bewahren (Bendix et al. 2013, S. 23). Fremdbezeichnungen sind immer eine Form von Machtausübung – Selbstbezeichnungen hingegen eine Form von Empowerment (vgl. www.anti-bias-netz.org). Um Populismus und Negativ-Framing entgegenzuwirken, gibt es auch die Strategie Gegengeschichten bzw. Gegennarrative zu entwerfen (vertiefend hierzu ein Artikel der bpb).

Die Möglichkeiten für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sprache sind natürlich noch viel zahlreicher als hier genannt, dafür stehen die drei Punkte:
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Weitere Denkanstöße:

  • Wie gehe ich mit Mehrsprachigkeit um?
  • Wer wird gehört – wer bleibt sprachlos?
  • Welche Selbstbezeichnungen kenne ich?
  • Welche sprachlichen Ressourcen habe ich selbst?
  • Wo übe ich sprachliche Macht aus?

Poetry Slamer Ansgar Hufnagel zur Macht der Sprache

Wer, wenn nicht ein Poetry Slammer kennt sich optimal mit Sprache und Macht aus?! Deshalb soll hier Ansgar Hufnagel das Wort bekommen:

Zum Autor: Der Freiburger Kabarettist, Poetry Slammer und Autor Ansgar Hufnagel ist zusammen mit Cäcilia Bosch als Bühnenduo „Einfach so“ auf Kleinkunst-, Theater- und Poetry Slam- Bühnen im deutschsprachigen Raum unterwegs. Mit ihrem Programm „Hals- und Reimbruch“ treffen Wortwitz und derber Humor auf Herz und Verstand.

Ansgar Hufnagel ist ein kreativer Tausendsassa und lebt seine Leidenschaft und Liebe für die Arbeit an Text, Performance und Ausdruck aus. Dabei berührt er mit dieser Arbeit viele Menschen und setzt sich für Menschenrechte, Klimaschutz und eine zukunftsfähige Lebensweise ein.

Quellen

Bendix, Daniel; Danielzik, Chandra-Milena; Döll, Jana; Holzwarth, Simone; Juergensohn, Juliane; Kiesel, Timo et al.: Mit kolonialen Grüßen… Berichte und Erzählungen von Auslandsaufenthalten rassismuskritisch betrachtet. 2., vollständig überarbeitete Auflage, August 2013. Hg. v. glokal e.V. Online verfügbar unter https://www.glokal.org/wp-content/uploads/2013/09/BroschuereMitkolonialenGruessen2013.pdf.
Honey, Christian (2019): Wie mächtig Framing wirklich ist. Psychologie. Hg. v. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH.
Klein, Josef (2010): Sprache und Macht. Hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung (Aus Politik und Zeitgeschichte). Online verfügbar unter http://www.bpb.de/apuz/32949/sprache-und-macht, zuletzt geprüft am 09.07.2019.
Neue Deutsche Medienmacher e.V. (2015): Mit Jilet Ayse durch den Integrationsdschungel. Auftakt unserer Reihe „Besser Deutsch“. „Besser Deutsch“. Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=Exd4MOmaV1c, zuletzt geprüft am 09.07.2019.
Neue Deutsche Medienmacher e.V. (2019): Glossar. Hg. v. Neue Deutsche Medienmacher e.V. Online verfügbar unter https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/filter:a/, zuletzt geprüft am 09.07.2019.
ttt (2018): Geflüchtete, symbolische Politik und die Macht von Sprache (08.07.18) (ttt – titel, thesen, temperamente). ARD, 08.07.18. Online verfügbar unter https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3R0dCAtIHRpdGVsIHRoZXNlbiB0ZW1wZXJhbWVudGUvMWYzZWQyYzQtZWQ4MS00MGFmLTlmZmQtYjU4NjM5ODBiOWUw/gefluechtete-symbolische-politik-und-die-macht-von-sprache.
Wehling, Elisabeth (2017a): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Lizenzausgabe. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung (Schriftenreihe / Bundeszentrale für politische Bildung, Band 10064).
Wehling, Elisabeth (2017b): Die Macht der Sprachbilder. – Politisches Framing… re:publica (Regie). Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=3tuaXaXJ02g, zuletzt geprüft am 09.07.2019.

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